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Fußball in Baden-Württemberg
Donnerstag, 14. Juni 2012

90 Minuten Schiripower

Von unserem Redaktionsmitglied Gisbert Niederführ

Der Mann ist in seinem Element. Lutz Wagner (49) steht am Dienstagabend zwar nicht auf dem Fußballplatz, sondern in der Vereinsgaststätte des TSV Neustadt, aber er ist hellwach, hochmotiviert und konzentriert, als würde er gerade ein Bundesligaspiel leiten. Seine Kollegen aus der Schiedsrichtergruppe Waiblingen lauschen gebannt, und fast ist’s schade, dass die Fachleute unter sich sind.


90 Minuten Schiripower

Fußball: Der ehemalige Bundesligaschiedsrichter Lutz Wagner hat in Neustadt referiert

So mancher Fan würde sich wundern, welch‘ falscher, aber anscheinend gesicherter Lehrmeinung er anhängt. Abseits, weil der Torwart behindert wurde? Längst gelten weiter gefasste Vorgaben, die so manche scheinbar unsägliche Entscheidung in ganz anderem Licht erscheinen ließe. Vor allem wenn Lutz Wagner die Szene erklärt.

Der Hesse legt los in einem Tempo, das dem EM-Spiel England – Frankreich gutgetan hätte. Das Mitglied der DFB-Schiedsrichterkommission könnte ohne Probleme auch als Entertainer auftreten. Das Publikum hängt an seinen Lippen und schüttelt sich ab und zu vor Lachen.

Wagner aber geht’s nicht um Unterhaltung: „Ihr sollt etwas lernen.“ Ein Schiedsrichter, sagt er, muss sein Handwerkszeug verinnerlicht haben; beispielsweise bei einem Freistoß die Abläufe kennen, die Handzeichen, richtig stehen, alles automatisiert, „damit er in seinem RAM-Speicher im Kopf“ noch genügend Platz hat, Entscheidungen zu treffen. Und er darf nicht nur reagieren, sondern muss vorher wissen, was passieren könnte. Er muss die Taktik der Mannschaften kennen, die Eigenheiten der Spieler, ihre Qualitäten und Schwächen. Wenn ein schneller Dribbler wie Ribéry auf einen eher unbeweglichen Abwehrspieler wie Simunic trifft, muss der Schiedsrichter vorbereitet sein und sein Stellungsspiel beziehungsweise Laufspiel daraufhin ausrichten.

Oder bei einer Ecke: „5 K, 8 L, das muss ich wissen“, sagt Wagner. Nämlich dass die Nummer 5 am kurzen Pfosten steht, die Nummer 8 am langen. Der Schiedsrichter muss die Nummern im Kopf haben. Es könnte ja zum großen Durcheinander kommen, womöglich müssen Strafen ausgesprochen werden und der Schiri zeigt womöglich einem Falschen die Gelbe Karte.

Ganz schön viel, was so ein Schiedsrichter leisten muss. Aber das gilt doch nur für die Topschiris, oder? Das sieht Wagner ganz anders. Er appelliert an die Kollegen, gut vorbereitet zu sein, sich ein Konzept für das Spiel zurechtzulegen und es auch konsequent zu verfolgen (zum Beispiel kleinlich pfeifen oder viel laufen zu lassen), um berechenbar für die Spieler zu sein. Der Schiedsrichter müsse kommunizieren mit den Spielern, Akzeptanz aufbauen. Wagner: „Es ist erstaunlich, in welch kurzer Zeit Marco Fritz das in der Bundesliga gelungen ist.“ Und jedem müsse klar sein: Schlüsselszenen entscheiden über den Eindruck. „Wenn die Schlüsselszene in die Hose geht, kannst du auch den Rest in die Tonne treten.“

Was ihm nicht gefällt, ist, dass sich Schiedsrichter oft zu klein machten. „Wir sind nicht die Wichtigsten, aber wir können stolz auf das sein, was wir leisten.“ 220 Entscheidungen trifft jeder Schiedsrichter etwa pro Spiel. Und wer’s in die Bezirksliga geschafft hat, der müsse wissen: „95 Prozent der Schiedsrichter in Deutschland sind schlechter als er.“ Das zumindest weist die Statistik aus.

Also: Selbstbewusstsein zeigen, aber nicht arrogant auftreten. Und immer die Uhr im Blick haben. Wie Lutz Wagner. Pünktlich nach 90 Minuten beendet er seinen Vortrag und wischt sich den Schweiß von der Stirn.